Gendern - Geschlechtergerechtigkeit oder doch eher ein unnötiges Verhunzen der deutschen Sprache?
Als Referenz oder als Standortbestimmung für diesen Blog-Beitrag möchte ich vorab erwähnen, daß ich seit Gründung der Grünen Partei in Westdeutschland mit vielen weltanschaulichen Grundsätzen dieser Partei übereinstimme. Jedoch nicht so beim Thema Gendering! Die Argumente der Befürworter sehe ich als zu verkopft, zu wirklichkeitsfremd und zu intellektuell überfrachtet an. Auf der anderen Seite erkenne ich keinen greifbaren Nutzen, der sich daraus in irgendeiner Weise ergibt. Es ist mir ein Herzenswunsch, zu diesem Thema Stellung beziehen.
Was genau bedeutet "Gendern"?
"Gendern oder Gendering ist eine eingedeutschte Wortbildung aus dem angelsächsischen Sprachraum und bezeichnet im allgemeinen Sinne die Berücksichtigung oder Analyse des Geschlechter-Aspekts in Bezug auf eine Grundgesamtheit von Personen, etwa in Wissenschaft, Statistik und Lehre." Wikipedia
Warum sind einige Deutsche dem "Gendern" gegenüber so zugetan?
Den Deutschen wird allgemein nachgesagt, sie seien in vielen Dingen besonders genau. Manche sagen vielleicht auch, die Deutschen seien exakt oder präzise, was alles irgendwie in die selbe Richtung zielt. Aber schon durch diese verschiedenen Begrifflichkeiten in all ihren Nuancen offenbart sich die eigentliche Problemursache. Die deutsche Sprache ist voller Synonyme, um dem Wunsch der Deutschen nach sprachlicher Präzision Rechnung zu tragen. Die Deutschen neigen, nicht zuletzt auch in ihrer Sprache, stark dazu, alles zu präzisieren und zu regelmentieren. Regeln dienen ihnen dabei zur Orientierung. Diese Regeln sollen konsistent sein und möglichst keine Widersprüche oder Ungereimtheiten enthalten. Es entspricht vermutlich dem Zeitgeist, daß gerade jetzt eine intellektuelle Schicht auf eine vermeintliche Ungereimtheit in der deutschen Sprache gestoßen ist, die in deren Augen eine permanente Benachteiligung des weiblichen Geschlechts zur Folge hat: Die Gechlechterungerechtigkeit von bestimmten Begriffen sowie in der deutschen Grammatik! Das Gendern soll nun dieses vermeintliche Unrecht, nämlich die Diskriminierung des weiblichen Geschlechts mittels Sprache, beseitigen.
Wie verhält sich die deutsche Sprache im Vergleich zu anderen Sprachen?
Anders als etwa im Englischen ist das grammatikalische Geschlecht in der deutschen Sprache nicht ausgestorben, sondern noch sehr präsent. Als Nicht-Muttersprachler wird man sich beim Erlernen der deutschen Sprache wundern, warum der Baum männlich (die Pflanze!) oder das Mädchen sächlich ist. Manche hegen vielleicht hier schon den Verdacht, daß hier eine Unterdrückung des weiblichen Geschlechts vorliegt. Warum wird ein Mädchen zu einer "Sache" degradiert und warum sind Bäume, die Sinnbilder der Verbreitung pflanzlichen Lebens auf diesem Planeten, ausgerechnet männlich? Benötigen wir hier nicht auch eine weibliche Form, wie z.B. die Bäumin? Die Bäuminnen und Bäume auf dieser Welt.... Oder gegendert: Die Bäum:innen bzw. die Bäum*innen!
Die meisten anderen Sprachen kennen zwei grammatikalische Geschlechter: Männlich und weiblich, maskulin und feminin! In den romanischen Sprachen dominiert das grammatikalisch maskuline Geschlecht, was sich z.B. darin äußert, daß an Adjektiven, welche maskuline und feminine Formen oder Endungen haben können, immer die maskuline Form verwendet wird, sobald auch nur ein einzelner Vertreter dieses Geschlechts mit einbezogen ist. "Giselle, Claudine, Marine, Christine et Jean sont beaux" und nicht etwa "belles", um mal das Französische als Beispiel zu bemühen. Wird hier nicht schon wieder das weibliche Geschlecht unterdrückt? Warum revoltieren die intellektuellen Frauen in frankophonen Ländern nicht gegen diese ungerechte Regel? Sie tun es nicht, weil sie zwischen dem Geschlecht der Personen unf dem grammatikalischen Geschlecht unterscheiden können und daher kein Problem mit dieser Regel haben.
Warum verändern sich Sprachen?
Sprachen verändern sich beständig. Sie assimimilieren Fremdwörter, als unnötig empfundene grammatikalische Strukturen verschwinden, usw. Sprachliche Veränderungen und Neuheiten sowie deren
anfängliche, mitunter starke Ablehnung, gehören seit jeher zur
linguistischen Geschichte. So weit, so bekannt! Aber haben wir es beim Gendern tatsächlich mit einer Veränderung zu tun, die aus der Mitte der deutschsprachigen Bevölkerung hervorgeht oder ist es vielleicht doch eher ein künstlich von der intellektuellen Elite des Landes hervorgebrachtes Gedankengut? Hierzu nachfolgend ein kleiner Exkurs!
Im antiken Latein hat es einmal eine solche Entwicklung gegeben. Die Intellektuellen unter den Römern fanden die sprachlichen Veränderungen, die sich im Verlauf der Zeit in der lateinischen Sprache ergeben haben, nicht besonders gut. Es tauchten immer mehr Präpositionen im an sich eher kasusorientierten Latein auf, weil damit das Sprechen einfacher wurde. Den römischen Schriftstellern, die sich oft als Sprachpuristen verstanden, gefiel das nicht. Sie konservierten daher in ihren Schriften das ursprüngliche Latein und ignorierten die Entwicklung der Sprache von der Straße. Und so entstanden im Verlauf der Zeit zwei parallel verwendete Lateins, und zwar das des Volkes und das der Intellektuellen. Aus dem Latein des Volkes, der Vulgata, gingen später die modernen Romanischen Sprachen hervor. Das Schriftstellerlatein hingegen wird heute als tote Sprache in unseren Schulbüchern gelehrt. Ein klarer Fall von intellektueller Hybris, die an der Wirklichkeit vorbeizielt. Gendern ist, ähnlich wie das Konservieren des Schriftstellerlateins, ein akademisches Elitenprojekt. Es geht an der Lebens- und Sprachwirklichkeit vieler Menschen vorbei und ist nichts anderes als eine Bevormundung, ähnlich wie bei der Rechtschreibreform in den Neunziger Jahren des vorigen Jahrhunderts. Auch hier der Versuch, sich der Sprache mit scheinbar konsequenter Logik zu nähern! Sprachen enthalten jedoch nun mal Widersprüche, die sich einfach nicht logisch auflösen lassen. Es wäre angeraten, dies zu akzeptieren.
Vielmehr sollte man mehr ein Ohr auf dem Mund der Bevölkerung haben. Ein ZDF-Politbarometer aus diesem Sommer ergab, daß eine Mehrheit der Deutschen gegen Gendersprache in Medien ist: "71 Prozent finden Verwendung von Gendersternchen und Sprechpausen „nicht gut“. Gendersprache in den Medien finden 48 Prozent zudem 'überhaupt nicht wichtig', 25 Prozent antworteten mit 'nicht so wichtig'“. Zu schützende Minderheiten kann ich hierbei nicht ausmachen, da logischerweise auch ein Großteil der Frauen so votierten.Woher kommt der Gedanke des Genderings?
Sprache soll nach Auffassung der Befürworter des Genderings die Realität abbilden, und die gesellschaftliche Realität ist nun mal etwa zur Hälfte weiblich. Frauen sind jedoch rein formal und traditionell in vielen Fällen durch die grammatikalisch männliche Formen mitgemeint. Stichwort: „generisches Maskulinum“ - Dies mißfällt vielen, da sie darin eine Zementierung der ohnehin männlichen Dominanz in der Gesellschaft sehen.
Die
Gleichberechtigung von Frauen und Männern ist in Artikel 3 Absatz 2 des
Grundgesetzes verankert. Für das Projekt der Gleichberechtigung ist die
Sprache jedoch nicht relevant.
Gendern führt z.B. nicht zu besserer Bezahlung von Frauen im Beruf: Eine
vermeintlich gerechtere Sprache schafft zudem noch keine gerechtere
Welt. Im Übrigen hat die Hinzunahme des grammatikalisch Weiblichen ja nicht nur positive Effekte. Wörter wie Verbrecher*innen, Betrüger*innen, Dieb*innen, Fälscher*innen, Ehebrecher*innen, etc. haben eher die umgekehrte Wirkung als die erwünschte.
Die Wirklichkeit wird sich kaum der Sprache anpassen, da Sprache nur einen sehr begrenzten Einfluß auf reale Verhältnisse nehmen kann.. Eher wird sich die Sprache der Wirklichkeit anpassen als umgekehrt. Hierzu Judith Sevinç Basad, Autorin, Journalistin und Kolumnistin, am 27.06.2020 im DLF: „Das Sternchen baut auf einer falschen Annahme auf, die sich nicht wissenschaftlich beweisen lässt: dass wir durch die Veränderung der Sprache auch die Wirklichkeit verändern können."
Zunächst einmal darf den Befürwortern des Genderings jedoch eine positive Absicht attestiert werden, nämlich die, eine größere Gerechtigkeit in der Behandlung der Geschlechter bewirken zu wollen, wobei hier allerdings primär nur das männliche und das weibliche Geschlecht zum Tragen kommen; denn eine Form für "divers" existierte bisher in der deutschen Sprache nicht, was zeigt, daß es schwierig sein dürfte, echte "Gerechtigkeit" in der Sprache zu etablieren, wenn man in letzter Konsequenz auch dieser Forderung folgt. Denn ebensowenig wie Frauen, die sich bei Verwendung maskuliner Sprachdiktion nicht angesprochen fühlen, tun es vielleicht auch diejenigen nicht, die sich keinem der beiden Geschlechter zugehörig fühlen. Wo also bleibt die dritte Form, welcher dieser Gruppe gerecht wird? Hierzu ein Auszug aus einem Artikel der taz, einer Zeitung die den Grünen nahesteht, vom 03.07.2021, mit dem Titel "Symbolkämpfe in der Sackgasse":
Wie wirkt sich das Gendering in der Praxis aus?
Mal abgesehen davon, daß ich in gegenderten Vorträgen jedesmal bei der kleinen Sprechpause stutze oder denke, daß im Radio oder Fernsehen der Ton ausgefallen ist, sobald etwa ein Moderator wie Claus Kleber oder eine Moderatorin wie Anne Will zwischen dem Wortstamm und der Endung "innen" eine kurze Pause in den Diskurs einbaut, halte ich die Sternchen-Lösung insgesamt gesehen für unpraktisch. Bei Kandidat*innen sind dem Buchstaben nach nur weibliche Personen angesprochen, ansonsten müßte es richtigerweise Kandidat*innen*en oder Kandidat*inn*en heißen. Und dann kann ich mich noch immer darüber streiten, ob zuerst die maskuline oder die feminine Endung aufgeführt wird, was jedesmal zu einer Diskriminierung der jeweils anderen Seite führt. - Eine nicht enden wollende Haarspalterei! Der Höhepunkt dieser Entwicklung liegt für mich jedoch in Wörtern wie Bürger*innenmeister*innen. Kann dieser Unsinn noch überboten werden?
Nehmen wir uns den Klassiker vor, den Arzt! Um männlichen wie weiblichen Vertretern dieses Berufs gleichermaßen gerecht zu werden, müßte es etwa "Kinderarzt*in" heißen, denn "Kinderärzt*in" enthält nur die weiblich Form, da es einen männlichen "Kinderärzt" nicht gibt. Gleiches gilt für "Bäuer*innen", oder haben Sie schon mal einen Bäuer gesehen? Hier verschwindet im Gegenzug die maskuline Form komplett. Oder man müßte die Punkte über dem "ä" in Klammern schreiben. Wiederum ähnliches gilt beim "Anwalt" und der "Anwältin".. - Falls es wirklich notwendig sein sollte, halte ich es nicht für zuviel verlangt von "Ärztinnen und Ärzten" zu sprechen. Von Lehnwörtern möchte ich gar nicht reden! Wollen wir ernsthaft "Sky Marshal*innen", Jockey*innen und Hater*innen sagen? - Bitte nicht!
Ansonsten denke ich oft beim Hören von gegenderten Formen, wie etwa "Kandidat*innen", ganz unnötigerweise, der Kandidat soll etwas innen machen. Und während ich noch darüber nachdenke, was der Kandidat wohl innen machen soll, habe ich den folgenden Halbsatz schon nicht mehr mitbekommen. Gendern lenkt ganz eindeutig von den Inhalten ab, indem es den Lesefluß bzw. den Redefluß behindert. Gegenderte Sprache wirkt künstlich. Sie ist umständlich, häßlich, holprig und unpoetisch. Vermutlich könnte man so etwas in keinem anderen Land der Welt auch nur ansatzweise etablieren. Das Gendering als "gewöhnungsbedürftig" zu verniedlichen, halte ich für verwegen. Reden und Texte werden einfach nur länger und unverständlicher. Das kann doch niemand wollen!
Bisher hat mir tatsächlich noch keine Frau in einem ernsthaften Gespräch mitgeteilt, sie fühle sich diskriminiert, wenn sie allgemein bei der Aufzählung von Mitbürgern, Ärzten, Bauern, Mechanikern, Autofahrern, etc. mitgezählt wird. Wer hier künstlich männliche Dominanz in der Sprache wittern will, muß sich schon anstrengen. Vielmehr haben wir es hier mit traditionellen Formen in verallgemeinernden Bezeichnungen zu tun. Als Frau hätte ich persönlich nicht das geringste Problem damit und würde mich auch sofort mit einbezogen fühlen, wenn im Radio die "Autofahrer" zur Vorsicht aufgerufen werden, weil es etwa auf der Strecke einen Geisterfahrer gibt. Gräuslich finde ich hingegen "Achtung Autofahrer_____innen! Auf der A3 kommt Ihnen zwischen Würzburg.....". Die Alternative, also etwa "Achtung Autofahrende, ..." klingt auch nicht wirklich passend.
Praktisch die gesamte existierende deutsche Literatur sowie auch wissenschaftliche Abhandlungen, Dokumentationen etc. die vor dem Gender-Wahn verfaßt wurden, beachten dieses Thema überhaupt nicht. Wollen wir uns, wie einige extreme Mensch*innen, endgültig zum/zur Vollhörst*in machen und diese Texte nachträglich Gender-neutral umschreiben, etwa wie es allen Ernstes in der Kinderliteratur von Astrid Lindgren passiert, in der Begriffe vorkommen, die aus heutiger Sicht nicht der political correctness entsprechen (Negerkönig, Zigeunersauce, etc.)? Oder wollen wir die Dinge nehmen wie sie sind und unsere Aufmerksamkeit echten Baustellen widmen, um die Gleichberechtigung von Mann und Frau endlich herbeizuführen? Wollen wir zudem die ohnehin schon reichlich komplizierte deutsche Sprache für Deutschlernende aus dem Ausland noch schwieriger zu erlernen machen und damit vor allem auch die gewünschte Migration in den deutschen Arbeitsmarkt behindern?
Gibt es vielleicht einen Kompromiß bei diesem Streitthema?
Mit dem Begriff "Autofahrende" wäre ich allerdings an einem Punkt beim Gendering, dem ich folgen könnte. So bin ich der Meinung, bestimmte Bezeichnungen oder Berufe, die in sich schon auf ein Geschlecht festgelegt sind, sollten neutralisiert werden. Wörter wie "Hebamme", "Prostituierte", "Krankenschwester", "Stewardess", etc. könnten durch neutrale Bezeichnungen ausgetauscht werden. Hier haben sich bereits weitgehend Wörter wie Pflegepersonal oder Flugbegleiter eingenistet (oder muß es auch hier Flugbegleiter*innen heißen?). Der Bankkaufmann bzw. die Bankkauffrau können im Plural durch "Bankkaufleute" ersetzt werden, wie es schon seit langem praktiziert wird. "Fachmann für" ist durch "Fachkraft für" ersetzbar. Statt „Lehrer“ kann „Lehrende“ oder „Lehrperson“ und statt Studenten kann man alternativ das Wort "Studierende" verwenden. Wenn es eine brauchbare Alternative gibt, sollte sie meiner Meinung nach auch genutzt werden. Der Aufwand hierfür wäre deutlich geringer und die Sprache würde keinen Schaden nehmen. Freilich wäre aber auch dies wiederum ein Überstülpen der Regeln von oben.
Fazit:
Was mich betrifft, so werde ich auch künftig nicht gendern, ebensowenig wie ich mich der neuen deutschen Rechtschreibung bediene, nicht weil ich gegen Gleichberechtigung bin, sondern weil das Gendering in der Sprache schon vom Ansatz her Blödsinn ist. Moderationen mit gegenderten Nachrichten versuche ich zu umgehen. Für eine Gleichberechtigung der Geschlechter trete ich jedoch vehement ein, und zwar da, wo mein Handeln meßbare Effekte hat. Denn die Gleichberechtigung liegt mir am Herzen, ohne mich dafür in sinnlose Schlachten zu stürzen, die in meinen Augen nur das Ergebnis von Anmaßung und Überheblichkeit der intellektuellen Eliten des Landes sind.
Von wenigen Ausnahmen abgesehen. halte ich das Gendering für einen intellektuellen Irrweg., In der Sache bringt es uns nicht voran, kostet uns im Alltag aber Nerven und bringt reichlich Verständnisprobleme mit sich. Im anglophonenen Sprachraum würde man bei der Beurteilung des Genderns in der deutschen Sprache vermutlich von WOMBAT sprechen: Waste Of Money, Brain And Time! Es gibt auch keinen für eine Veränderung zu mehr Gendering spürbaren Druck aus der Tiefe der Bevölkerung heraus. Am allerwenigsten kommt Druck aus dem Ausland. Stattdessen wird durch eine intellektuelle Auslese unseres Landes künstlich ein Bedürfnis nach einer Veränderung erzeugt, das weder schlüssig, noch konsistent, noch ästethisch ist. Hätten wir keine anderen Probleme, wäre ein solcher philosophischer Diskurs vielleicht willkommen. So aber kann ich zu der ganzen fehlgeleiteten Ideologie und zu dem Schaden des bereits eingeleiteten Irrwegs nur sagen: Bezahlen! Wegfegen! Vergessen!
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| Foto: Stuttgarter Nachrichten |


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