Tattoos? - Nein danke!

 

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Zugegeben, ich lehne Tattoos pauschal ab. Dies führt in der Öffentlichkeit gelegentlich zu erbosten Reaktionen. Dennoch aber möchte ich an dieser Stelle mein fundamentales Unverständnis über die "Kultur" des Tätowierens kundtun. Seit den Neunziger Jahren frißt sich diese Modeerscheinung in ungebrochener Beharrlichkeit immer tiefer in unsere Gesellschaft hinein. Es ist für mich an der Zeit , dieses Phänomen einmal kritisch zu hinterfragen!

Wahrscheinlich ist es nicht zuletzt eine Generationenfrage, ob man Tattoos mag oder nicht. Unter den Jüngeren haben sie deutlich mehr Zuspruch als unter den Älteren. Ich gehöre zu jener Generation, deren Großmütter ihre Enkel noch vor Tätowierten gewarnt haben. Meine Oma sagte immer: "Knastbrüder, Seeleute und Prostituierte sind tätowiert. Halte Dich von diesen fern!" - Nun habe ich gegen keine dieser drei Gruppen per se Vorurteile, aber solche Ratschläge prägen einen Menschen. Heutzutage wäre ein solcher Rat freilich unsinnig. Würde man sich von Tätowierten fernhalten wollen, würde es ziemlich einsam um Einen werden. Auch sind die Träger von Tattoos mannigfaltiger geworden.

Tattoos im Wandel der Zeit

Die "Kunst" des Tätowierens hat sich im Laufe der Zeit ebenso gewandelt, wie die Motive der Tattoos ausgefallener und komplexer geworden sind. Ein Anker, ein Golgatha-Kreuz oder Knasttränen liegen bei der breiten Masse heutzutage weniger im Trend als Anno dazumal. Die berüchtigten, und in den Neunziger Jahren noch unfaßbar populären "Arschgeweihe" sind längst anderen Motiven gewichen. Deren Träger indes dürften in der Mehrzahl buchstäblich bis heute darauf sitzen geblieben sein. In der Öffentlichkeit jedoch sieht man die Arschgeweihe immer seltener, sei es weil sie aus einem Rest an Selbstachtung versteckt werden, sei es weil die ehemals stolzen Besitzer jener "Kunstwerke" inzwischen in ein Alter gekommen sind, in dem man sich mit derlei Kitsch allein schon wegen der darunter mit zunehmendem Alter welker werdenden Haut weniger gern in der Öffentlichkeit präsentiert. Damit wäre ich beim nächsten Punkt: 

Tattoos halten ewig!

Kürzlich sah ich im Schwimmbad eine ältere Frau, die vermutlich zu den Pionieren bei der "Verschönerung" des Körpers mittels irgendwelcher Kritzeleien oder Gemälden gehörte. Jedenfalls hatte sich diese Frau einen gewaltigen Banner quer über ihre inzwischen verblühenden Brüste stechen lassen. Unscharfe Konturen und verblaßte Farben ließen auf ein Schöpfungsdatum des Meisterstücks schließen, das schon ein paar Jahrzehnte zurücklag. Dieses Tattoo wäre problemlos geeignet gewesen,  etwa eine Marilyn Monroe in ihren besten Jahren völlig zu entstellen. Bei jener Frau wirkte es auf mich wie die Mischung aus einer Gürtelrose und der Beschriftung einer Konservendose aus den Fünfziger Jahren. Eine Frage geht mir beim Anblick solcher Exemplare immer wieder durch den Kopf. Machen sich die Träger von Tattoos eigentlich klar, wie lange und in welcher möglichen künftigen physischen Verfassung sie jeweils mit den Tattoos herumlaufen müssen? Oder kalkulieren viele von vornherein mit ein, daß sie dermaleinst für teuer Geld in unendlichen Sitzungen das Tattoo vom Arzt weglasern lassen werden? Manche glauben vielleicht sogar an eine ewige Jugend.

Tattoos sind oft verstörend!

Bei der Häßlichkeit der Motive sind bei den Tattoos nach meiner persönlichen Auffassung wirklich keine Grenzen gesetzt. Und schlimmer noch! Eine nicht geringe Zahl der Träger sucht geradezu nach möglichst abstoßenden und schockierenden Darstellungen, etwa im Stile der Album-Cover von Iron Maiden. Diese Motive präsentieren sich im günstigsten Fall als nicht mehr differenzierbares farbiges Gewusel, und im ungünstigsten Fall als eine Auswahl von Stacheldraht, bleckenden Giftschlangen, die aus dem Mund eines Totenschädels kriechen, Schwarzen Witwen, deren Netz über den Hals des Tattoo-Trägers gespannt ist oder irgendwelchen Horror-Zombies. Mir fehlt ganz einfach die Phantasie, wie man so etwas schön finden kann. Sorry, wenn ich in diesem Punkt ein Armutszeugnis abgebe, denn es gibt offensichtlich mehr als genug Menschen, die das unwiderstehlich toll finden. Ich hingegen finde es eher verstörend, Menschen mit Giftspinnen im Gesicht oder Stacheldraht am Arm herumlaufen zu sehen. Oft jedoch kann man die Motive auf den ersten Blick gar nicht richtig erkennen und man denkt, der oder die Tätowierte hätte Krampfadern oder vielleicht irgendwann mal einen schlimmen Motorradunfall gehabt.

Eine uniformierte Gesellschaft der Tätowierten

Wenn sich die Träger von Tattoos nun auch in meinem persönlichen Dunstkreis, etwa bei der Arbeit oder bei der Freizeitgestaltung, häufen, so kann ich mich einer gewissen Voreingenommenheit dagegen bis heute nicht vollständig erwehren. Da hat meine Oma offensichtlich bei meiner Erziehung ganze Arbeit geleistet. Als bei der Vereidigung des früheren Bundespräsidenten Wulff dessen damalige Frau Bettina öffentlich eine Tätowierung zur Schau trug, fand ich dies in diesem Rahmen unangebracht. Ein solches Verhalten hat für mich nichts mit modern oder gar fortschrittlich zu tun. Woher auch? Umgekehrt wüßte ich nicht, warum es spießig sein soll, so einen Kinderkram abzulehnen. Sieht man heutzutage im Fernsehen, im Freibad oder im Urlaub am Meer Menschen mit unbekleideten Körperteilen, dann ist man eher schon überrascht, wenn mal nicht irgendeine Krakelei darauf zu sehen ist. Man hat fast schon den Eindruck, die Mehrheit trägt Tattoos und meint, daß dies beinahe schon zum guten Ton gehöre. Der Tätowierte, der mittels seiner Tattoos sein Individualität unterstreichen möchte, geht heute unter in einer uniformierten Gesellschaft der Tätowierten. Und ich möchte es auf die Spitze treiben. Individuell ist fast schon nur noch der nicht Tätowierte.

Die jahrtausendealte Kultur des Tättowierens

Viele Befürworter von Tattoos führen die jahrtausendealte Kultur des Tätowierens ins Feld, vergleichbar nur mit dem Argument, daß auch das Rauchen schon unter den Naturvölkern seit jeher einen hohen Stellenwert hatte. Schließlich war ja auch Ötzi schon tätowiert. Und schauen wir uns die Maoris an! Auch in Japan wird der Kunst der Ganzkörpertätowierung schon seit Jahrhunderten gefrönt. Ist natürlich alles richtig! Aber was hat das mit unserer Kultur zu tun? Und wenn ich schon offen sein will für fremde Kulturen, was ich grundsätzlich löblich finde, warum müssen es dann so oft diese abstoßend häßlichen Motive sein? Mag diese Kultur in verschiedenen Regionen der Welt auch schon seit Ewigkeiten bestehen, so vertrete ich persönlich den Standpunkt, daß ein Mensch keine Litfaßsäule ist. Was soll uns das Gekrickel auf dem Körper also mitteilen? Daß ich ein Freund von Zombies, Dämonen, Skeletten, Skorpionen, etc., bin? Und selbst an sich ganz schöne Motive finde ich mehr als grenzwertig, wenn sie auf einem menschlichen Körper abgebildet sind. A propos mitteilen! Damit komme ich zum nächsten Punkt, denn Tattoos verraten viel über die Gesinnung ihrer Träger und Trägerinnen.

Das Tattoo als Gesinnungsmerkmal

Tätowierte fühlen sich häufig von anderen Tätowierten angezogen. Ganz selten etwa sieht man Paare, bei denen ein Teil exzessiv tätowiert ist, während der andere Teil keine Tattoos trägt. In Bekanntschaftsanzeigen werden auch häufig Sympathien bekundet, die auf der Existenz von Tattoos der Möchtegernbekanntschaft basieren. Ich muß zugeben, bei mir ist es genau umgekehrt. Mit Tätowierten komme ich weniger leicht in Kontakt. Zwischen dem oder der Tätowierten und mir steht irgendwie immer bedrückend das Tattoo als nicht zufriedenstellend zu beantwortende Frage im Raum. Und diese Frage lautet: "Warum hast du dir diesen Quatsch aufgemalt?" Würde man die Frage tatsächlich aussprechen, würde das wohl häufig zu Spannungen und zu einer Abkühlung des Verhältnisses führen oder als Intoleranz gewertet. Darum fragt man wohl besser erst garnicht. Immer häufiger begegnet man zum Beispiel auch Polizisten mit Tattoos und ich muß leider zugeben, daß mir diese auf den ersten Blick weniger vertrauenswürdig erscheinen. Die Arbeitsgerichte müssen sich vielfach mit dem Thema Tätowierungen im öffentlichen Dienst auseinandersetzen und entscheiden, ob die gewählten Tattoos in der jeweiligen Berufsgruppe zulässig sind. Aus gutem Grund, wie ich meine!

Das Tattoo ist nicht selten Ausdruck einer gewissen Gesinnung, wenngleich es heutzutage auch schon eine Art Herdenzwang gibt. Man läßt sich, besonders unter Jugendlichen, ein Tattoo stechen, einfach weil das ja fast jeder so hat. Unverständlich bleibt für mich, warum sich so schrecklich viele Menschen mittels Tätowierung einer bestimmten Gesinnung anschließen. Welche Botschaft wollen diese Menschen aussenden? Und auch die Aussage "ich find's einfach nur schön" stellt mich bei der Beantwortung dieser Frage nicht zufrieden. In diesem Moment möchte ich Soziologe sein und es mir zur Aufgabe machen, diese schwierige Frage einmal in aller Tiefe auszuloten. 

Wenn es zu alldem noch eine Steigerung gibt, dann sind es die im rechten Milieu häufig anzutreffenden Tattoos mit Nazi-Bezug, gern gepaart mit dem eintätowierten Schriftzug "HASS" auf den Fingern, wobei für die beiden "S" bevorzugt Runen verwendet werden. Überflüssig zu erwähnen, daß ich beim Anblick solcher Gesinnungsbotschaften nur noch resignierend den Kopf schütteln kann. Die klammheimliche Freude, die Welt um mich herzum zu schockieren, teile ich einfach nicht. Aber auch sexistische und gewaltverherrlichende Tätowierungen sind oft zu finden. Allein schon aus diesem Grund würde ich unbedingt von jedem Gedanken an ein Tattoo Abstand nehmen, kommt es auch scheinbar noch so harmlos daher. Die Deutung darüber übernehmen sowieso die Anderen.

Innere Verbundenheit durch ein Tattoo

Besonders Paare haben oft eine Riesenfreude daran, sich Partner-Tattoos zu beschaffen. Je "pfiffiger" die Story dahinter, desto besser. Einfachere Varianten sind das gemeinsame Tragen des Hochzeitsdatums oder irgeneine gemeinsame Symbolik. Manche lassen sie sich das Ebenbild oder vielleicht auch den Namen ihres Partners oder ihrer Partnerin einstechen. Nicht selten soll also mit der Tätowierung eine innere Verbundenheit, etwa zu einem Partner oder einem Familienmitglied gezeigt werden. Worin aber liegt hier der besondere Zauber? Für mich ist das Kinderschokolade und nach einer Trennung der Paare können diese Tattoos zu einer veritablen Last werden. Angesagt sind auch chinesische Schriftzeichen oder Sanskrit. Damit versuchen sich die Träger oft einen intellektuellen Touch zu geben, ohne aber genau zu wissen, was da wirklich auf ihrem Körper geschrieben steht weil sie meistens keinen Bezug zu der entsprechenden Kultur und Sprache haben. All dies ist für mich ganz und gar unverständlich. Eine innere Verbundenheit kann ich nur mit dem Herzen fühlen. Ich brauche sie mir nicht auf meinem Körper notieren zu lassen.

Fazit

Der ungebrochene Hang zu Tattoos ist für mich eines der großen Mysterien dieser Welt. Jeder, der meinen Blog-Beitrag gelesen hat, wird unschwer erkennen, wie sehr mich das Thema beschäftigt. Die meisten Menschen haben den Wunsch, die Welt besser verstehen zu lernen. Dabei stößt man gelegentlich auf Fragen, die man sich nicht beantworten kann. Eine von diesen Fragen ist für mich die nach dem Sinn des Tattoos. Die Tätowierten selbst argumentieren oft, dies sei Privatsache. Sicher ist das so, aber warum zeigen sie ihre "Kunstwerke" dann so freimütig in der Öffentlichkeit? Müssen sie dann nicht zwangsläufig mit Reaktionen rechnen?

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