Amischlitten fahren und trotzdem Grün wählen?

Stimmzettel und Amischlitten

Das Thema Klimaerwärmung erkämpft sich langsam aber sicher wieder den Platz an der Spitze auf der Liste derjenigen Themen, welche in der Öffentlichkeit die höchste Wahrnehmung genießen. Und Wahrnehmung ist etwas, was die Wirklichkeitsvorstellung von uns Menschen sehr stark prägt. Genau an diesem Punkt möchte ich in den nachfolgenden Ausführungen ansetzen.

Die älteren Mitbürger hierzulande sehen sich zunehmenden Vorwürfen ausgesetzt, etwa denen einer Carla Reemtsma oder einer Luisa Neubauer, in deren Argumenten latent mitschwingt, sie (die älteren Mitbürger) hätten durch ihr verantwortungsloses Fehlverhalten in der Vergangenheit der jüngeren Generation die Zukunft geraubt. Einige dieser neunmalklugen Jugendlichen tun gerade so, als wären sie die ersten Gescheiten auf diesem Planeten. Sie glauben anscheinend, ihre Berufung ist es, den Älteren erklären zu müssen, was im Umweltschutz Sache ist. Natürlich kann man nachsichtig sein mit den jungen Menschen, vor allem als Älterer, weil man ja selbst mal jung war und sich vielleicht noch gut in die Perspektive eines jungen Menschen hineinversetzen kann. Die häufig selbstherrliche und keinen Widerspruch duldende Art, mit der manche Jüngere sich zunehmend in der öffentlichen Diskussion präsentieren, kann aber bisweilen schon auf die Nerven gehen. Ausgeblendet wird bei diesen Jüngeren außerdem oft, daß die älteren Menschen ja vielleicht auch noch ein bißchen Zukunft vor sich haben, es also nicht ausschließlich nur um die Zukunft der Jüngeren geht.

Wie wurde ich selbst sozialisiert?

Meine Jugend hat in den Siebziger und Achtziger Jahren stattgefunden. Als die grüne Antiatomkraftbewegung zu Beginn der Achtziger Jahre in die Gründung der Grünen Partei in Westdeutschland mündete, bin ich begeistert auf diesen Zug aufgesprungen. Mir konnte die Haltung gegenüber "Umweltschädlingen" wie der Industrie oder dem Verkehr damals gar nicht radikal genug sein. Es war die beängstigende Zeit des Waldsterbens, des immer größer werdenden Ozonlochs und der Katastrophe von Tschernobyl. Zu jener Zeit war ich ein militanter Radfahrer, der fleißig Spuckies (für die jüngeren Leser: das waren schwer abzulösende Aufkleber, die man auf die Windschutzscheibe von Autos als Strafe klebte, wenn diese auf Rad- oder Fußwegen oder unberechtigt auf Behindertenparkplätzen parkten) verteilte. Schlimmer noch! Oft fuhr ich sogar auf dem Fahrrad mit einer ABC-Schutzmaske durch die Innenstadt, um die Welt auf verstörende Weise auf die zunehmende Luftverschmutzung durch den Straßenverkehr aufmerksam zu machen. Damals gab es freilich auch noch keine Sozialen Medien, ja nicht einmal das öffentliche Internet, wo sich ein Jugendlicher hätte Gehör verschaffen können.

Was ich zu jener Zeit aber schon wußte: Die Politik produziert im Hinblick auf den Umweltschutz viele Fehler und reiht Versäumnis an Versäumnis. Die Welt war außerdem noch nicht wirklich reif für den Umweltgedanken. Sagen wir, es brannte noch nicht so sehr auf den Nägeln. Diskussionen mit älteren Mitmenschen führten seinerzeit im besten Fall zu Hohn und Spott von deren Seite, im ungünstigsten Fall wurde man komplett für "bekloppt" erklärt. Das war schon ein hartes Brot damals. Aber Diskussionen über die Umwelt gab es damals wie heute. Das sollten sich die aktuell Jüngeren einmal vergegenwärtigen. Wir haben früher unsere grüne Position auch bereits hart gegenüber den Älteren vertreten. Das ist kein Alleinstellungsmerkmal von Bewegungen wie "Fridays For Future".

Die etablierten Parteien, die sich heute allesamt und zum Teil heuchlerisch einen grünen Anstrich verpaßt haben, Bäume umarmen und vorgeben Bienen retten zu wollen, waren damals geradezu aktiv gegen Umweltschutzmaßnahmen tätig, sei es weil sich die Wirtschaft durch die Maßnahmen angegriffen fühlte, sei es weil man das Problem einfach noch nicht erkannt hatte. Oder es hieß, man könne sich Maßnahmen zum Umweltschutz nicht leisten. Damals schon genauso falsch wie heute! Denn es ist klar, daß jede unterlassene Maßnahme später zu viel höheren Kosten führen wird. Das ist heute evident und muß nicht mehr bewiesen werden.

Wie sehe ich mich heute?

Mit der Zeit habe ich mir in puncto Umweltschutz meine Hörner abgestoßen und bin auf ein eher unscheinbares Leben als Normalo eingeschwenkt. Zwar bin ich im Inneren "grün" geblieben, aber meine Lebensweise hat sich, wie im Übrigen das vieler Grüner der ersten Stunde, immer mehr einer Realität angepaßt, deren Verweigerung einfach zu viel kostete oder einem nur selbst unentwegt schadete. Daraus hat sich mein heutiger Standpunkt herauskristallisiert, dessen Maximen die folgenden sind:

  • Maxime Nr. 1: Vermeide jede Art von Verschwendung!
  • Maxime Nr. 2: Du kannst alle Ressourcen nutzen, aber bitte mit Umsicht und Vernunft.
  • Maxime Nr. 3: Du mußt nicht jeder (hysterischen) Umweltschutzforderung sofort nachlaufen.

Das bedeutet beispielsweise im Hinblick auf den Straßenverkehr, daß nicht alles was groß ist und Benzin oder Diesel verbraucht, automatisch unvernünftig und schlecht ist, und es bedeutet auch, daß nicht alles was einen Batterieantrieb hat, alleinseligmachend ist. Hier ist eine deutlich differenziertere Sichtweise vonnöten.

Zur Überraschung vieler in meiner Umgebung habe ich mir vor Jahren ein zwanzig Jahre altes amerikanisches Auto mit einem ziemlich großen Motor gekauft. Diese Anschaffung erzeugt in meinem Freundeskreis bis heute gerunzelte Stirnen und auch immer wieder die Frage, wie sich damit denn bitte der Umweltgedanke vertragen soll. Hier ist meine Antwort! Ja, mein Wagen produziert beim Verbrennen des Treibstoffs ganz ordentlich CO2 (ist allerdings auf LPG umgerüstet). Ja, das Ding ist ziemlich groß und nimmt viel Raum ein. Und ja, es handelt sich bei dem Fahrzeug sicher nicht um Technologie, die der langfristigen Zukunft zugewandt ist. Aber...! 

In allererster Linie nutze ich zur Fortbewegung mein Fahrrad und lasse das Auto stehen wann immer ich kann. Damit ist schon mal meiner Maxime Nr. 1 gedient. Setze ich das Auto dennoch ein, bin ich meistens darum bemüht, es mit Vernunft zu tun, also beispielsweise etwa Fahrten in Stadtzentren zu vermeiden. Damit komme ich Maxime Nr. 2 entgegen. Neue Fahrzeuge mit Batteriebetrieb sind nicht zwingend umweltgerecht. Bedenkt man die Kraterlandschaften, die in den Ländern hinterlassen werden, wo die Rohstoffe für die Batterien gewonnen werden, und bedenkt man auch den Schadstoffausstoß im Produktionsprozeß eines Neuwagens, dann relativiert sich vieles. Unklar bleibt zudem, ob der Strom zum Laden der Batterie tatsächlich grün gewonnen wird. Kommt der Strom aus einem Kohlekraftwerk, sieht die Ökobilanz des E-Fahrzeugs eher schlecht aus. Daraus folgt, ich muß meinen jetzigen Wagen nicht unbedingt verschrotten und mir sofort ein neues Fahrzeug mit Batterieantrieb verschaffen. Das entspricht Maxime Nr. 3.

Wo fängt Verantwortungsehtik nach meiner Auffassung an und wo hört sie auf?

Derzeit ist es einfach angesagt, auf Fahrer mit großen oder unmodernen Fahrzeugen einzudreschen, natürlich in erster Linie auf Fahrer von SUVs. Auf Betreiber hoffnungslos veralteter Heizsysteme hingegen wird aber ebensowenig eingedroschen wie auf Käufer von Ananas oder Avocados, also Produkten, die unter immensem Aufwand von Wasser und Energie produziert und vom anderen Ende der Welt zu uns transportiert werden. Das zeigt sehr schön, daß der gezogenen Grenzlinie der Verantwortungsethik (und um diese geht es in meinem Beitrag ja) eine gewisse moralische Beliebigkeit innewohnt. Aktuell wird vor allem „das Auto“ als moralischer Diskriminierungsgegenstand gesehen. Der Autofahrer wird generell als Umweltfeind wahrgenommen, woraus viele jüngere Menschen eine Vorstellung von Realität entwickeln, in der gerade dieser auf das Äußerste bekämpft werden muß, ohne die sich daraus ergebenden Konsequenzen zuvor ausreichend tiefgründig auszuloten.

Für die jüngere Generation ist klar: Die Oma, die im Hühnerstall Motorrad fährt, ist eine Umweltsau. Es wird nicht weiter hinterfragt, warum die Oma überhaupt im Hühnerstall Motorrad fährt und warum sie dafür nicht etwa ein E-Bike nutzt. - Wohnt die Oma vielleicht in einer Gegend, in der die Deutsche Bahn kürzlich einen Bahnhof stillgelegt hat? Reaktiviert sie deshalb vielleicht ihr altes Motorrad, dessen CO2-Emissionen bei seiner Herstellung sich längst durch eine lange Lebensdauer neutralisiert haben? Ist die Oma etwa sogar Hartz IV-Empfängerin und kann sich die Anschaffung eines modernen Fahrzeugs gar nicht leisten? Wie sehr ist die Oma überhaupt auf ein Fortbewegungsmittel angewiesen? Können die jungen Kritiker der heutigen Zeit diese Fragen zufriedenstellend beantworten? Ich fürchte, viele können es nicht oder sie wollen es nicht.

Einen Amischlitten fahren und trotzdem Grün wählen? Diese Frage kann ich mit einem klaren "Ja" beantworten. Solange ich die zugrundeliegenden verantwortungsethischen Fragen für mich positiv beantworte und den mir selbst aufgestellten Maximen mit Sensibilität und und kritischem Hinterfragen folge, nehme ich die Diskussion mit jüngeren Menschen gern auf, die mich am liebsten vielleicht zusammen mit Oma als Umweltsau in eine Schublade stecken würden. Wir müssen auch in drängenden Umweltfragen das Große Ganze sehen und nicht nur einen Aspekt, wenngleich dieser auch wichtig sein mag! Zeit, die frühere Politiker anstatt zur Realisierung von sinnvollen Umeltmaßnahmen einfach nur verplempert haben, können wir jetzt nicht mit blindem Aktionismus wieder hereinholen. Die heute lebenden Menschen können jene Versäumnisse von dermaleinst auch nicht allein durch persönlichen Verzicht egalisieren.

Vorerst nutze ich daher weiterhin von Zeit zu Zeit und ohne schlechtes Gewissen meinen großen amerikanischen Wagen, dessen Geräumigkeit und Komfort ich schätze. Der Kofferraum ist riesig. Fünf Personen lassen sich bequem von A nach B befördern, ohne daß ich über Alternativen nachdenken muß. Mit jedem Monat, den ich das Auto länger fahre, relativieren sich die Schadstoffemissionen, die bei dessen Produktion erfolgten. Ja, und zu allem Überflüß mag ich das Ding irgendwie auch.

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